Interview

Experte im Gespräch mit der Kinderherzstiftung 

Neues zur Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche mit angeborenem Herzfehler

Prof. Dr. Peter Gottfried Kremsner von der Universität Tübingen zählt zu den renommiertesten Infektiologen Europas. Derzeit leitet der Wissenschaftler die entscheidende Zulassungsstudie für den Corona-Impfstoff der Firma CureVac. Im Gespräch mit der Kinderherzstiftung plädiert der Spezialist dafür, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit schweren Vorerkrankungen so schnell wie möglich zu impfen.

Viele Familien mit chronisch kranken Kindern fühlen sich während der Pandemie seit Monaten allein gelassen. Sie wünschen sich, dass die Corona-Impfung endlich auch für die junge Risikogruppe zugänglich gemacht wird. Wie beurteilen Sie diese Situation?

Die Sorge dieser Eltern um ihre Kinder ist vollkommen nachvollziehbar. Ein schwer kranker Mensch hat eine hohe Anfälligkeit für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Infektion. Das gilt auch für schwer erkrankte Kinder. Auch sie sollten wir so gut wie möglich schützen, und zwar prioritär schützen, auch wenn die Statistiken klar zeigen, dass es nahezu nur alte Menschen sind, die an dieser Infektion sterben. 

Viele betroffene Familien leben seit mehr als einem Jahr in starker Isolation, um ihre Kinder nicht zu gefährden. Gleichzeitig machen ihnen die ersten Diskussionen um Notfallzulassungen der Impfstoffe auch für Kinder ab 12 Jahren und erste Anwendungen bei noch sehr kleinen Kindern im Ausland große Hoffnung. Was halten Sie von Off-Label-Impfungen?

Wenn es mein krankes Kind wäre, würde ich mich auch dafür einsetzen, dass es schneller geimpft wird als derzeit vorgesehen, und zwar mit einem mRNA-Impfstoff, auch wenn diese Impfstoffe noch nicht für Kinder zugelassen sind. Das Risiko eines wahrscheinlich schweren Verlaufs von schwer kranken Kindern wäre mir einfach zu hoch im Vergleich zu den bereits bekannten Nebenwirkungen einer Impfung. Aus rechtlichen Gründen werden die meisten Ärzte aber natürlich zurückhaltend sein, bis der Impfstoff zugelassen ist. Eine Off-Label-Impfung ist ja immer auch eine Frage der Haftung. Ich würde meine Kinder impfen, aber Sie werden vermutlich aktuell keinen Arzt finden, der mal hundert Kinder mit schweren Grunderkrankungen impft. Von daher wird dies momentan in größerer Zahl leider noch nicht so einfach umzusetzen sein.

Würden Sie Kindern denn dieselbe Dosis geben wie Erwachsenen?

Nach meiner Erfahrung als Infektiologe mit den verschiedensten Impfstoffen in den letzten Jahren kann ich sagen, dass die meisten nicht gewichts- oder altersabhängig angeglichen werden. Aber es gibt natürlich auch Impfstoffe, die angeglichen werden. Ich gehe jedoch davon aus, dass Kinder den Impfstoff gegen eine Covid-19-Erkrankung in der gleichen Dosis bekommen können wie Erwachsene. Gewicht und Größe sollten für die Sicherheit und die Verträglichkeit keine entscheidende Rolle spielen. Momentan aber können wir auch das noch nicht sicher behaupten, denn die Untersuchungen dazu werden ja erst gemacht. Ich vermute aber, dass wir es bald wissen werden. Im Großen und Ganzen müssen wir dann alle impfen, auch die Kinder, wenn wir diese Pandemie global eindämmen wollen.

Nun haben immerhin schon viele schwer kranke junge Erwachsene ihre erste Impfung erhalten, allerdings noch mit AstraZeneca, kurz bevor dieser Impfstoff für Menschen unter 60 Jahren in Deutschland wegen des besonderen Thromboserisikos quasi verboten wurde. Halten Sie es für gefährlich, bei der zweiten Dosis nun einen mRNA-Impfstoff zu geben?

Ich gehe nicht davon aus, dass dies gefährlich sein könnte. Die Betroffenen sollten die nächste Möglichkeit nutzen und sich mit Biontech oder einem anderen mRNA-Impfstoff versorgen lassen, um einen größtmöglichen Schutz zu erreichen. Am Ende könnte vielleicht die sogenannte heterologe Immunologisierung sogar wirksamer sein.

Wie groß sollte der Abstand zwischen den beiden Impfungen mit verschiedenen Wirkstoffen sein?

Mindestens drei Wochen zur ersten Impfung mit AstraZeneca dürften genügen. Bei Menschen mit einem sehr hohen Risiko könnte man ganz sicher gehen, dass ein ausreichender Impfschutz vorliegt, indem danach die Antikörper im Blut bestimmt werden. Und dann kann entschieden werden, ob und wann eine zweite Impfung mit dem mRNA Impfstoff nach AstraZeneca sinnvoll ist. Allerdings wirken die Impfungen nicht nur auf die Bildung von Antikörpern, sondern auch auf die zelluläre Immunisierung.

Hilft es, nahe Kontaktpersonen zu impfen, bis die rettenden Impfstoffe in Deutschland auch für Kinder offiziell zugelassen sind?

Wenn die Kinder noch nicht geimpft werden können, ist das in jedem Fall ein sinnvolles Vorgehen. Die Kontaktpersonen sollten dann schnell geimpft werden, besonders, wenn das schwer kranke Kind noch sehr klein ist und sich aufgrund der Zulassungsverfahren noch länger kein Arzt bereit erklären möchte, dieses Kind außer der Reihe zu impfen. Stand jetzt ist aber auch, dass wir auf viele Fragen immer noch keine verbindlichen Antworten geben können. Von daher können wir auch keine hundertprozentige Entwarnung geben bei der Frage, ob geimpfte Kontaktpersonen auf keinen Fall das Virus weitergeben können.

Wie beurteilen Sie den Stand der Medikamentenentwicklung gegen Covid-19?

Noch haben wir kein spezifisch gegen Covid-19 wirkendes Mittel. All diese Mittel wie Remdesivir, die derzeit diskutiert werden, konnten bisher die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Meiner Meinung nach sind derzeit die monoklonalen Antikörper die beste Option für eine Behandlung. Dazu laufen gerade weltweit Projekte, auch die Deutsche Herzstiftung unterstützt ja die Forschung auf diesem Gebiet. Momentan ist der optimal passende monoklonale Antikörper noch nicht final definiert, aber in diesem Bereich sehe ich die größte Hoffnung.

Welche Perspektiven können Sie den Betroffenen heute mit auf den Weg geben?

Ich gehe davon aus, dass die Zulassung eines Impfstoffes für Kinder ab 12 Jahren jetzt zügig vorangehen wird. Auch der bereits erfolgte Start der Zulassungsstudie bei Biontech für Kinder ab einem Alter von sechs Monaten lassen hoffen, dass man für diese Gruppen bald erste Daten zur Verträglichkeit bekommt. Gut wäre auch eine Schluckimpfung, an der wir gerade forschen. Die Zulassung dafür wird aber wohl in diesem Jahr nicht mehr kommen.

Stand 13. April 2021. Das Interview führten Philipp Glaser, Elternvertreter herzkranker Kinder im Vorstand der Deutschen Herzstiftung und Beiratsmitglied von Fontanherzen e.V., Kai Rüenbrink, Projektleiter der Kinderherzstiftung in der Deutschen Herzstiftung und Dr. Beatrix Barth, Mutter einer Tochter mit schwerem Herzfehler. Aufgezeichnet und bearbeitet wurde das Gespräch von Martina Hinz (Aktualisierung am 27.4. 2021)

Die Deutsche Herzstiftung setzt sich für Kinder und Erwachsene mit schweren angeborenen Herzfehlern in der Corona Pandemie ein. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der schnellen, ordentlichen Zulassung von Impfstoffen für Kinder. Hierbei sei auf die gemeinsame Pressemeldung mit der Patientenbeauftragen der Bundesregierung, Frau Prof. Dr. Schmidtke, verwiesen.

Prof. Dr. Peter Gottfried Kremsner
Bild von Prof. kremsner
  1. Gemeinsame Meldung mit dem Aktionsbündniss Angeborene Herzfehler. Covid-19: Bedürfnisse von Kindern mit angeborenem Herzfehler berücksichtigen.
  2. Dr. Jens Bahlmann beantwortet wichtigste Fragen zur Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche mit angeborenem Herzfehler.
  3. Pressemeldung des Aktionsbündniss Angeborene Herzfehler, DAKJ und BVKJ
Mann und Frau tanzen mit einem Herz in der Hand
konstantin yuganov

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