Sprechstundenfrage

Soll ich trotz bekanntem Diabetes-Risiko Statine einnehmen?

Das Risiko unter Statinen einen Diabetes zu entwickeln, ist minimal erhöht. In der Regel überwiegt der Nutzen der Einnahme – auch bei Risikopatienten.

Ihre Sprechstunden-Frage

(07.11.2022) Zur Behandlung meiner erhöhten Cholesterinwerte nehme ich das Statin Atorvastatin ein. Mein behandelnder Arzt möchte die Therapie nun auf Rosuvastatin umstellen, um eventuell so eine noch stärkere LDL-Senkung zu erreichen und auch weil ich zuletzt nach einer Dosiserhöhung über leichte Muskelschmerzen geklagt hatte. Jetzt ist bei mir allerdings ein sog. Prädiabetes, also die Vorstufe vom Diabetes, diagnostiziert worden. Und ich habe gelesen, dass vor allem Rosuvastatin das Diabetes-Risiko erhöhen soll. Gibt es vor diesem Hintergrund eine Empfehlung, welches Statin man bei einer prädiabetischen Situation nehmen soll? (Hans-Florian, München)

Experten-Antwort

Hierbei handelt es sich um eine sehr wichtige Frage, die in der täglichen Praxis sehr häufig gestellt wird. Eine dezidierte Empfehlung einer kardiologischen Fachgesellschaft im Sinne einer Leitlinie gibt es nicht, wohl aber verschiedene Stellungnahmen, zum Beispiel auch der europäischen Gesellschaft für Kardiologie aus dem Jahre 2018.

Grundsätzlich ist die Datenlage so, dass es tatsächlich ein gering erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Diabetes unter einer Statin-Therapie gibt und dass dies bei Patienten mit Prädiabetes etwas häufiger zu beobachten ist. Hier geht man von einem „Familieneffekt“ aus, der also alle Substanzen der Wirkstoffgruppe der HMG-CoA-Reduktase-Hemmer (= Statine) betrifft.

In den letzten Jahren gab es zugleich Hinweise, dass dies möglicherweise nicht für die Statine Pravastatin oder Pitavastatin gelten könnte. Dabei muss man allerdings einschränkend zu bedenken geben, dass es sich hier nicht um das Ergebnis systematischer Studien handelt, in denen verschiedene Präparate miteinander verglichen worden sind. Eine weitere Unsicherheit besteht darin, dass die Mechanismen, wie die Statine Einfluss auf den Blutzucker nehmen, nicht eindeutig geklärt sind.

Dem leicht erhöhten Diabetesrisiko, vor allem bei Risikopatienten, muss man allerdings auf der anderen Seite die Risikoreduktion für relevante kardiovaskuläre Ereignisse (z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall) durch eine Statintherapie gegenüberstellen. Und diese Risikoreduktion überwiegt bei weiten das Risiko für die Entstehung eines Diabetes, auch bei Patienten mit Prädiabetes. Selbst die Patienten, die unter Statinen einen Diabetes entwickelt haben, profitieren von der LDL-Senkung – und zwar sogar mehr als jene Patienten, bei den im Verlauf kein Diabetes aufgetreten ist.

Eine Umstellung der Statintherapie (= Wechsel der Substanzen oder eine Dosisänderung) aus Sorge vor einen möglichen Diabetes-Risiko kann nach aktueller Datenlage daher nicht empfohlen werden. Etwas anderes ist ein Substanzwechsel, der zum Ziel hat, die Verträglichkeit der Therapie zu verbessern und den empfohlenen LDL-Zielwert besser zu erreichen, wie offenbar in Ihrem Fall.  

Wichtig zum Schutz vor Diabetes ist vielmehr, dass Prädiabetes-Patienten generell ihren Blutzucker regelmäßig kontrollieren sollten. Übergewichtige Patienten sollten zur Gewichtsreduktion und zu regelmäßigem körperlichen Training motiviert werden. Mit diesen zuletzt genannten Maßnahmen lässt sich das Risiko für einen manifesten Diabetes bei prädiabetischer Stoffwechsellage effektiv reduzieren.

In Ihrem konkreten Fall müsste also bekannt sein, welcher Zielwert in Abhängigkeit vom Risiko erreicht werden soll und wie weit die LDL-Werte unter der aktuellen Medikation von diesen Zielwerten entfernt. Nur hiervon würde ich einen Wechsel abhängig machen. Ein mögliches gering erhöhtes Diabetes-Risiko würde ich für das Erreichen der Zielwerte in jeden Fall in Kauf nehmen. 

Experte

Prof. Dr. med. Thomas Meinertz
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