Ein gesunder Lebensstil lohnt sich – auch im mittleren Alter. Das zeigt einmal mehr das Ergebnis einer großen internationalen Studie. Deren Ziel war es, zu untersuchen, wie sich bestimmte Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Menschen im Alter von 50 Jahren auf die Lebenserwartung insgesamt und auf die Lebenszeit ohne Herzkrankheiten auswirken. Grundlage der Studie waren die Daten von über zwei Millionen Menschen aus insgesamt 133 Studien in 39 Ländern.
Die „big five“: kritische Lebensstilfaktoren
Das Forscherteam unter Leitung von Frau Professor Christina Magnussen vom Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg analysierte dazu fünf klassische Risikofaktoren, die sogenannten„big five“:
- Bluthochdruck (systolisch ≥ 130 mmHG)
- hohe Cholesterinwerte (non-HDL-Cholesterin ≥ 130 mg/dl)
- Übergewicht und Adipositas (BMI ≥25)
- Diabetes
- Rauchen
Verglichen wurde nun, wie sich diese Faktoren einzeln und kombiniert auswirken im Vergleich zum Nichtvorhandensein dieser Risikofaktoren.
Ergebnis: Je mehr Risiken, desto gefährlicher
Mit Hilfe einer Modellberechnung ermittelten die Wissenschaftler sowohl das Risiko eines Herz-Kreislauf-Ereignisses wie Herzinfarkt oder Schlaganfall als auch das generelle Sterberisiko (geschätzt für ein Alter bis 90 Jahre) . Zwar wiesen nach der Berechnung auch Personen ohne Risikofaktoren im Alter von 50 Jahren ein gewisses Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen auf. Bei Personen, die alle Risikofaktoren aufwiesen, war allerdings das Risiko, eine Herzerkrankung zu bekommen, deutlich höher: 24 Prozent bei Frauen und 38 Prozent bei Männern.
Ganz ähnlich die Situation bei der Lebenserwartung: Ohne Risikofaktoren lag das Risiko für Tod vor dem 90. Lebensjahr bei 53 (Frauen) bzw. 68 Prozent (Männer). Lagen alle Risikofaktoren vor, erhöhte sich das Sterberisiko bei Frauen auf 88 Prozent und bei Männern auf 94 Prozent.
Konkret bedeute dies: Wer alle fünf Risikofaktoren hatte, verlor im Vergleich zu Personen ohne Risikofaktoren durchschnittlich 13,3 Jahre (Frauen) bzw. 10,6 Jahre (Männer) an Lebenszeit ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung und 14,5 bzw. 11,8 Jahre an Gesamtlebenserwartung. Diese Unterschiede zeigen deutlich, wie groß der Einfluss eines gesunden Lebensstils ist.
Hintergrundinformationen
Erste Daten der Studie waren bereits im Jahr 2023 veröffentlicht worden. Sie waren auch die Basis für die Verleihung des renommierten Becht-Preises 2024 der Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF) an Prof. Magnussen. „Ein besseres Verständnis vom Effekt dieser Risikofaktoren auf die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Gesamtsterblichkeit ist nötig, um präventive Maßnahmen weltweit entsprechend anpassen zu können“, erläuterte dazu die Forschungspreisträgerin und stellvertretende Klinikdirektorin der Kardiologie des Universitären Herz- und Gefäßzentrums Hamburg am UKE.
Welche Risikofaktoren sind besonders gefährlich?
Die Studie konnte zudem gewichten, welcher Risikofaktor das Leben am stärksten verkürzt. Am stärksten wirkten hier Diabetes und das Rauchen. Das Ergebnis:
- Rauchen: verkürzt die Lebenserwartung um 5,6 Jahre (Frauen) bzw. 5,1 Jahre (Männer)
- Diabetes: kostet 6,4 Jahre (Frauen) bzw. 5,8 Jahre (Männer)
- Bluthochdruck: führt zu einem Verlust von rund 1,7 Jahren (Frauen) bzw. 1,8 Jahren (Männer)
Weniger deutlich, aber dennoch relevant waren Übergewicht, Untergewicht und erhöhte Cholesterinwerte. Vor allem bei diesen Faktoren spielen den Wissenschaftlern zufolge möglicherweise regionale Unterschiede und weitere Einflüsse wie Ernährung, Bewegung und soziale Faktoren sowie Zugang zur Gesundheitsversorgung eine stärkere Rolle. Generell wurden diese Faktoren bei der Studie nicht mit analysiert.
Veränderung lohnt sich
Jeder einzelne Risikofaktor zählt. Die Studie verdeutlicht: Je mehr Risikofaktoren gleichzeitig vorliegen, desto stärker geht dies zu Lasten der (herzgesunden) Lebenszeit. Zugleich zeigt sie aber, dass man erfolgreich etwas ändern kann – auch noch im späteren Alter. Und zwar gerade bei zwei Faktoren, die gut beeinflussbar sind.
Werden die Risikofaktoren Bluthochduck oder Rauchen zwischen dem 55. und 60. Lebensjahr behandelt, lässt sich ein deutlicher Nutzen nachweisen, errechneten die Wissenschaftler. Eine Bluthochdruckbehandlung bringt am meisten hinsichtlich von Lebensjahren ohne Herzerkrankung, der Rauchverzicht am meisten hinsichtlich insgesamt gewonnener Lebensjahre.
So verlängert die Einstellung des Blutdrucks auf Normwerte das Leben um etwa 1,7 Jahre. Auch kardiovaskuläre Erkrankungen treten später auf. Ein Nikotinstopp kann die Lebenszeit sogar um gut 2 Jahr verlängern. Insgesamt können bis zu fünf Jahre ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Tod gewonnen werden, wenn alle fünf Risikofaktoren wegfallen.
Männer und Frauen: Unterschiede bei Risiko und Lebenserwartung
Ein interessanter Aspekt der Studie: Frauen profitieren im Schnitt etwas stärker von einem risikofreien Lebensstil als Männer. Sie gewinnen dadurch mehr Jahre ohne Herzerkrankung und auch insgesamt mehr Lebensjahre. Vor allem treten bei Frauen kardiovaskuläre Erkrankungen später auf, wenn ein Bluthochdruck behandelt wurde. Beim Rauchstopp profitierten hingegen Männer etwas mehr als Frauen - allerdings nur hinsichtlich Lebenszeit.
Die Forschenden führen das unter anderem auf biologische Unterschiede und hormonelle Schutzfaktoren zurück. Sie betonen aber zugleich, dass für beide Geschlechter ein gesunder Lebensstil entscheidend ist.
Fazit: Jeder Schritt zählt
Durch Abwesenheit und Kontrolle von Risikofaktoren lässt sich Lebenszeit gewinnen. Daher: Rauchen aufgeben, Bluthochdruck behandeln, Blutzuckerwerte kontrollieren, sich ausgewogen ernähren und regelmäßig bewegen. Das sind konkrete Maßnahmen, mit denen Sie nachweislich Ihre Lebenserwartung erhöhen können. Je früher, desto besser. Doch die Umstellung lohnt sich auch im höheren Alter noch.
Transparenz: Daher beziehen wir unsere Infos
Global Effect of Cardiovascular Risk Factors on Lifetime Estimates; www.nejm.org/doi/pdf/10.1056/NEJMoa2415879; März 2025
Experte
Professor Christina Magnussen ist Bereichsleiterin Herzinsuffizienz am Herz- und Gefäßzentrum Hamburg, Klinik für Kardiologie, des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.
2024 hat sie den August Wilhelm und Lieselotte Becht-Forschungspreis der Deutschen Stiftung für Herzforschung erhalten.

Redaktion
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Prof. Dr. med. Thomas Meinertz ist Kardiologe und Pharmakologe in Hamburg. Zu den Schwerpunkten des ehemaligen Vorsitzenden der Herzstiftung und langjährigen Direktors der Klinik und Poliklinik für Kardiologie und Angiologie des Universitären Herzzentrums Hamburg zählen insbesondere Herzrhythmusstörungen, die koronare Herzkrankheit und Herzklappen-Erkrankungen. Neben mehreren hundert wissenschaftlichen Fachpublikationen, die Prof. Meinertz für nationale und internationale Fachzeitschriften verfasst hat, ist der renommierte Kardiologe Chefredakteur der Herzstiftungs-Zeitschrift "HERZ heute" und Autor mehrerer Publikationen im Online-Bereich der Herzstiftung.
