Patientenstimme

„Nehmt Herzinfarkt-Symptome ernst!"

Ein als verdorbener Magen fehlgedeuteter Herzinfarkt hätte fast das Ende bedeutet. Jochen B. erzählt, wie es dazu kam und was er nun beherzigt.

Start in den Urlaub mit Erbrechen

Es war im Oktober an einem Samstag. Ich hatte eine Woche Urlaub vor mir und freute mich schon sehr darauf. Ich hatte einiges vor. Gegen Abend wollte ich mir noch ein deftiges Abendessen zubereiten: Grünkohl mit Pinkelwurst, eine Norddeutsche Delikatesse. Ich gönnte mir gleich zwei Teller voll davon. Gegen Abend so um ca. 22 Uhr entschied ich mich, etwas früher ins Bett zu gehen und dort noch einen interessanten Film im Fernsehen anzuschauen. Gesagt, getan. Ich machte es mir also gemütlich in meinem Bett und schaute mir diesen Film an.

Da machte sich auf einmal der Magen bemerkbar mit einem Gefühl von Blähungen auf der linken Seite. “War wohl doch zu viel vom Abendessen und es war ja auch Kohl, der zu Blähungen neigt”, dachte ich. Ich drehte mich also etwas hin und her, um den „Wind“ loszuwerden. Aber da passierte nix. Im Gegenteil, es weitete sich immer weiter zur rechten Seite des Oberbauches hin. Die „Blähungen“ wurden immer schmerzhafter. Ganz plötzlich wurde das Fernsehbild heller und heller, blendete schon fast und mir wurde so richtig übel. Mein ganzes Abendessen verließ explosionsartig meinen Körper und landete an den Möbeln und an den Wänden, sowie auf den Fußboden und im Bett.

Mir wurde heiß und der Schweiß lief in Strömen vom Kopf. Ich fiel zurück ins Kopfkissen und der Schmerz intensivierte sich extrem. Ich merkte, wie langsam meine Sinne schwanden, so ähnlich, als wenn eine Propofol-Narkose zu wirken anfängt. Ich dachte nur, dass ich wahrscheinlich ein Magengeschwür hatte oder das Essen verdorben war. An einem Herzinfarkt hatte ich zu keinem Zeitpunkt gedacht. Im nächsten Moment verlor ich rapide an Kraft, ich konnte weder Kopf noch die Beine anheben. Es war, als wenn eine große Betonplatte auf meinem Körper lag.

„Ich schaue morgen, ob es besser ist”

Ich war schon fast bewusstlos, als mir in den Sinn kam, dass ich eventuell zu wenig Sauerstoff im Kopf hätte. Was macht man dann? Man streckt die Beine in die Luft, was aber nicht ging. Also packte ich mit letzter Kraft zumindest ein einzelnes Bein und zog mit aller letzter Kraft das Bein nach oben, wobei ich extrem nach Luft schnappte. Ich merkte so langsam, dass die Gedanken wieder klarer wurden und ich wieder etwas ruhiger atmen konnte. Ich machte mir die ganze Zeit Gedanken, was passiert war.

Ich fühlte mich langsam besser, aber auch sehr schlapp. Ich dachte dann: „Ok, dann versuche ich halt zu schlafen und schaue morgen, ob es besser ist.” Aber im Bett konnte ich nicht schlafen, weil es total voll mit Erbrochenem war. Also auf der Couch schlafen und morgen großes Reinigen des Schlafgemaches vornehmen. Ich stand ganz langsam auf und schleppte mich zunächst ins Bad, um die Unterwäsche zu wechseln und um mich zu waschen. Alles ging, aber sehr mühsam. Danach begab ich mich ins Wohnzimmer und legte mich auf die Couch. Der stechende dumpfe Blähungsschmerz war zwar nicht mehr so stark, aber immer noch vorhanden, am schlimmsten, wenn ich auf dem Rücken lag. Also legte ich mich auf die Seite und schlief so mehr oder weniger stundenweise.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich eigentlich schon wesentlich besser, aber irgendwie war da immer noch dieser Schmerz im Oberbauch. Da schien mir klar: Das muss etwas Heftigeres mit dem Magen sein. Als mir dann noch das Frühstücken nach zwei Bissen nicht schmeckte und mir wieder übel wurde, entschloss ich mich, zum Hospital zu fahren, um in der Notaufnahme einen Check durchführen zu lassen.

„Haben Sie schon mal etwas mit dem Herzen gehabt?“

Dann meinte er aber nach etwa zehn Minuten Untersuchung, dass nichts Auffälliges im Bauchbereich zu sehen wäre, weder Lufteinschlüsse noch irgendwelche andere Anomalien. Das machte mich sehr stutzig. Dann warf er noch einen Blick auf meine Blutwerte, die mittlerweile in der Notaufnahme angekommen waren und meinte: „Haben Sie schon mal etwas mit dem Herzen gehabt?“ Das verneinte ich, außer dass vor Längerem mal eine leichte Insuffizienz festgestellt worden sei, aber nichts Besorgniserregendes.

Daraufhin meinte er, dass das Blutbild allerdings etwas anderes aussage. Der Troponinwert sei extrem hoch. Ich solle kurz warten, denn letztendlich müsse ein Kardiologe die Enddiagnose stellen. Kurze Zeit später erschien dann endlich ein kardiologischer Assistenzarzt. Er nahm meine Hand und fragte, ob sich meine Magenschmerzen schon gelegt hätten, was ich verneinte. Daraufhin meinte er: „Leider muss ich Ihnen sagen, dass sie einen schweren Herzinfarkt erlitten haben.“

Wie vom Blitz getroffen richtete ich mich auf und sagte: „Wie bitte? Das glaube ich Ihnen nicht!“  Er drückte mich behutsam wieder auf die Trage und erwähnte, dass ich sofort auf die Intensiv-Station gebracht werde und die nächsten sieben Tage stationär bleiben werde. Da gingen mir 1000 Gedanken durch den Kopf. Aber nicht wegen des Herzinfarktes, sondern wen ich anrufe, wer das Auto abholt und wie ich an Kleidung kommen soll. Irgendwie fühlte ich mich ja nicht schlecht, bis auf die noch leichten Bauchschmerzen.

Der Schock: Einiges am Herzen war zerstört

Dann kam der Stations-Kardiologe hinzu und erklärte mir noch einmal alles und sagte auch, dass dadurch, dass ich erst einen Tag später erschienen sei, es sich um einen kompletten Herzinfarkt handele und dadurch einiges am Herzen zerstört sei, was auch nicht mehr zu beheben sei. Das war zunächst erst mal ein Schock für mich!

Ich wurde also in die Intensiv-Station verfrachtet und verkabelt. Ich kann Euch sagen, dass das Gepiepse der „Maschine“ sehr nervig war. Bei jeder größeren Bewegung gab das Teil Alarm. Und nochmal gesagt: Ich fühlte mich absolut ok sonst. Ich hatte das Gefühl, als könnte ich aufstehen und nach Hause laufen. Nur leider war dem nicht so.

Später kam dann nochmal der Kardiologe zu mir und meinte, ich müsse die Nacht noch in der Intensivstation zur Überwachung bleiben und am folgenden Tag solle dann die Intervention erfolgen. In der Zwischenzeit habe ich meine Mutter angerufen, damit sie mir ein paar Sachen vorbeibringt und dann noch meinen Chef angerufen und ihm mitgeteilt, dass ich vorerst nicht mehr zur Arbeit erscheinen könne und dass er dafür Sorge tragen soll, dass das Auto (weil Firmenwagen) abgeholt werde.

Selbst bei der Revaskularisierung zugeschaut

Am folgenden Tag war es dann so weit. Ich wurde in den OP geschoben. Man wollte mir eine Beruhigungs-Injektion verpassen, was ich allerdings ablehnte, weil ich selbst alles mitverfolgen wollte, da ich ja auch viel Interesse an Medizin habe (bin Sanitäter beim Militär gewesen). Ich wurde also auf den OP-Tisch gelegt, man drückte mir ein paar Tabletten in den Mund. Der Chef-Kardiologe unterhielt sich kurz mit mir und gab mir auch zu verstehen, dass ich wahrscheinlich mir selbst das Leben gerettet habe, indem ich mir am Abend zuvor das Bein hochgehalten hatte.

Dann ging alles Zackzack. Innerhalb von ein paar Sekunden war der Katheter in die Leiste eingeführt. Während er mit der Schlinge Richtung Herz unterwegs war (konnte man wunderbar auf dem Röntgenbild verfolgen), meinte der Arzt, dass sich da kaum noch etwas am Herzen bewege. In der Tat sah auch ich nur den unteren Bereich etwas zucken. Ein Blutgerinnsel war in der Vorderwand gut zu erkennen. Kaum ausgesprochen, war das Gerinnsel auch schon beseitigt und ich sah, wie wieder mehr Bewegung in den Herzmuskeln entstand.

Ein Wunder, dass ich noch unter den Menschen verweile

Der Arzt setzte im gleichen Zug auch noch einen Stent in die betroffene Region. Da war alles schon erledigt. Das Ganze hat vielleicht mal 15 Minuten gedauert (geschätzt) und ich war erleichtert. Zum Schluss meinte der Kardiologe noch, dass kaum mehr als ein Prozent Blut noch durch die betroffene Stelle hindurch gekommen sei. Es sei ein Wunder, dass ich noch unter den Menschen verweile und auch noch in der Lage gewesen sei, vom Auto zum Eingang des Hospitals zu „rennen“. Aber ich war letztendlich doch etwas erleichtert.

Doch nun kam noch etwas Unangenehmes: Der Katheter durfte nach der Behandlung nicht sofort wieder herausgezogen werden und somit durfte ich mich auch nicht bewegen, wegen Verblutungsgefahr. Zu der Zeit wurde nämlich noch mit dem relativ großen Katheter über die Baucharterie interveniert. Heutzutage geht man über eine Arm-Arterie zum Herzen, was nicht so aufwendig und risikobelastet ist.

Nun lag ich auf der Intensivstation mit der „Stange“ im Bauch, und die musste noch etwa vier Stunden drinbleiben. Danach werde die Stationsschwester diese entfernen. Ich litt sehr, weil ich mich nicht bewegen durfte und eigentlich lieber auf der Seite lag. Nach vier Stunden war die „Dame“ immer noch nicht da, aufgrund etlicher Neuzugänge auf der Intensiv. Endlich nach etwa sechs Stunden kam sie. Ich war zunächst erleichtet.

Defibrillator zum Schutz vor Herzstillstand

Doch sie meinte, ich solle mir eine gute Geschichte einfallen lassen und ihr erzählen. Ich hatte Fragezeichen auf der Stirn: „Wieso?“ Das sollte ich kurz nach der Entfernung des Katheters erfahren. Sie drückte Ihre Faust mit aller Kraft in die Wunde und meinte, dass ich das jetzt 20 Minuten aushalten müsse. Der Schmerz war extrem. Ich wurde fast ohnmächtig und Geschichten konnte ich keine erzählen. Nun ja, danach wurde ein Gürtel mit einer Art Tennisball auf die Wunde geschnallt und mir wurde gesagt, dass ich mich die nächsten acht Stunden auch nicht viel bewegen solle. Im Prinzip war diese Prozedur unangenehmer und schmerzhafter, als der Herzinfarkt selbst (Ironie).

Danach erfolgten die ganzen Untersuchungen. Festgestellt wurden ein Ejektionsvolumen von etwa 33 % sowie eine größere Narbe an der Vorderwand und ein totaler Rechtsschenkelblock. Aufgrund der Befunde wurde mir dann umgehend ein mobiler Defibrillator verpasst, den ich nicht ablegen durfte, wegen Gefahr eines Herzstillstandes. Er bestand aus einem BH-ähnlichem Teil mit einigen Elektroden darin und dem Gerät selbst, das über das Handynetz stets mit der Zentrale und Kardiologie verbunden war. Das Gerät ist voll automatisch und ruft selbständig den Notruf bei Herzstillstand an. Tolle Technik. Nach vielen Untersuchungen und sieben Tagen Krankenhausaufenthalt war das Pumpvolumen schon wieder auf 36 % angestiegen. Doch erst bei über 40 % wird der Defi wieder abgegeben.

Direkt ein paar Tage später ging es auch schon in die Reha. Anfangs konnte ich kaum größere Strecken laufen, geschweige denn Treppen steigen. Mehr als acht Stufen waren nicht möglich. Gegen Ende der Reha war die Pumpleistung dann auf 46 % angestiegen, und ich durfte endlich den Defi ablegen. Wieder zu Hause meldete ich mich dann bei der Herzsportgruppe an, die wöchentlich stattfand.

Aus den Erfahrungen gelernt

Für zu Hause habe ich mir dann noch einen Ergometer zugelegt, auf dem ich täglich mit ca. 50 Watt für etwa 30 Minuten am Trampeln war. Letzendlich habe ich dadurch mein Ejektionsvolumen auf ca. 55 % steigern können, was in etwa dem eines gesunden Menschen nahekommt. Nach Wiedereingliederung in meinen Job konnte ich wieder alles machen und Ergometer plus Spazierengehen sorgen für Erhalt des Gesundheitszustandes.

Leider musste ich aber den Herzsport aus anderen Gesundheitsgründen wieder aufgeben und auch andere Sportarten mussten weichen. Ich halte mich jetzt noch eingeschränkt mit Ergometer, Spaziergängen und virtueller Realität in Bewegung. Somit hat sich seit etwa einem Jahr das Pumpvolumen bei etwa 53 % eingependelt und damit lebe ich seitens des Herzens so gut wie beschwerdefrei.

Zum Thema Angst muss ich sagen: Da ich beim Infarkt schon fast eine Nahtod-Erfahrung gemacht habe, ist seitdem die Angst völlig weg und ich sehe alles gelassen und habe meinen Humor auch behalten. Der Krankenhaus-Pfarrer, der uns auch viel besuchte, meinte, ich hätte die richtige Lebenseinstellung und der Herrgott achtet darauf, dass es so bleibt.

So, dies ist meine lange, aber erzählenswerte Geschichte, die zeigt, dass es manchmal auch kleine Hürden gibt und eigene Fehldiagnosen. Deshalb meinen Rat an alle: Bei einem durchgehenden, nicht nachlassenden Schmerz in Brust, Nacken und Armen IMMER die 112 anrufen! Und das besser einmal zu viel, auch wenn’s nicht ein Herzinfarkt war, als einmal zu spät, wie bei mir. Es nimmt Ihnen niemand übel. Denn, je eher man behandelt wird, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Herz vollkommen genesen wird!

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Danke!

Wir möchten uns herzlich bei Jochen B. bedanken, dass er uns an seiner persönlichen Herzerkrankung teilhaben lässt. Bitte beachten Sie, dass das Foto eine unbeteiligte Person zeigt und die in den Patientengeschichten enthaltenen Informationen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung ersetzen. Sie dienen ausschließlich einem informellen Austausch und sollen weder zur Selbstdiagnose noch zur Selbstbehandlung auffordern.

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