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Neues aus der Herzmedizin

Hier lesen Sie eine Auswahl an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Studien, von Kongressen und Expertentagungen zum Thema Herzerkrankungen.

Aktualisiert: 29.02.2024

Aktuelle Nachrichten März 2024

Bestimmt die Essenszeit das kardiovaskuläre Risiko?

Was wir essen, hat einen merklichen Einfluss auf unsere Herzgesundheit. Gilt das auch vielleicht für das „Wann“? Forscher haben nun interessante Erkenntnisse gefunden, wie sich der Zeitpunkt der täglichen Mahlzeiten auf das kardiovaskuläre Risiko auswirkt.

Die Ernährung ist ein Hauptrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nach Schätzungen stehen weltweit jährlich rund acht Millionen Herz-Tode in Zusammenhang mit Ernährungsgewohnheiten. Dennoch ist bisher wenig erforscht, wie stark der Zeitpunkt, zu dem Mahlzeiten eingenommen werden, und der Abstand zwischen den jeweiligen Essenszeiten, das kardiovaskuläre Risiko beeinflussen. In der NutriNet-Santé-Studie haben sich nun Wissenschaftler diese Einflussmöglichkeit einmal genauer angeschaut. Dazu wurde über einen Zeitraum von mehr als sieben Jahren bei über 100.000 Erwachsenen dokumentiert, zu welchen Uhrzeiten sie ihre Hauptmahlzeiten einnahmen und wie häufig kardiovaskuläre Erkrankungen (Herzinfarkt und Schlaganfall) auftraten. Die Wissenschaftler untersuchen dann, ob es zwischen diesen Erhebungen möglicherweise einen Zusammenhang gibt.

Wichtigstes Ergebnis der Studie: Ein spätes Frühstück (nach 09:00 Uhr) war verglichen mit einem frühen Frühstück (vor 08:00 Uhr) mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko verbunden. Jede zusätzliche Stunde erhöhte das Risiko  weiter. Ebenso war ein spätes Abendessen (nach 21:00 Uhr) verglichen mit einem früheren Abendessen (vor 20:00 Uhr) ungünstig – vor allem das Risiko für Schlaganfälle war dann erhöht. Bei Frauen waren diese Zusammenhänge besonders deutlich.  

Deutlich wurde auch, dass längere nächtliche Nüchternphasen günstig sind. Jede Stunde mehr zwischen Abendessen und Frühstück ging zum Beispiel mit einem um sieben Prozent verringerten Schlaganfallrisiko einher.   

Die Wissenschaftler sehen anhand ihrer Studie andere Daten bestätigt, wonach die Nahrungsaufnahme unsere innere Uhr synchronisiert. Spätes Essen stört demzufolge den zirkadianen Rhythmus und das begünstigt dann das Entstehen von Stoffwechselstörungen wie Diabetes und beeinträchtigt auch den Blutdruckrhythmus. (1)

Vorhofflimmern: Wie lange sind Antikoagulanzien nach Ablation nötig?

Bei Vorhofflimmern bieten Gerinnungshemmer (orale Antikoagulanzien) einen wichtigen Schutz vor Schlaganfällen. Patienten, die damit behandelt werden sollten, werden anhand einer Risikobestimmung mit dem sogenannten CHA2DS2-VASc-Score ausgewählt. Doch wie sieht es aus, wenn nach einer Katheterablation das Vorhofflimmern behoben ist?  

Bisher wird in den Leitlinien zur Therapie bei Vorhofflimmern empfohlen, dass nach erfolgreicher Katheterablation die Antikoagulation in jedem Fall für mindestens zwei Monate weitergeführt wird. Je nach individueller Risikokonstellation sollte diese dann auch danach dauerhaft fortgesetzt werden. Hintergrund ist, dass bisher der Beleg fehlt, dass eine Katheterablation das Schlaganfallrisiko deutlich senkt. In einer Studie aus Japan wurde nun geprüft, wie sich bei einer weiteren Therapie mit oralen Antikoagulanzien das Nutzen-Risiko-Verhältnis – also das Verhindern von Schlaganfällen gegen die Gefahr schwerer Blutungskomplikationen – verhält.

Bei rund 230.000 Patienten, bei denen zwischen 2014 und 2021 erstmals eine Katheterablation erfolgt war, wurde das Schlaganfallrisiko bestimmt. Dazu wurde nicht der CHA2DS2-VASc-Score, sondern der in Japan übliche CHADS2-Score genutzt. Rund 70 Prozent der Patienten hatten danach ein niedriges Schlaganfall-Risiko (Score ≤ 1), knapp 22 Prozent ein mittleres Risiko und knapp neun Prozent ein hohes (Score ≥ 3). Alle Patienten wurden mit oralen Antikoagulanzien behandelt. Nach sechs Monaten war das noch bei gut 70 Prozent der Fall, nach einem Jahr bei über 50 Prozent – vor allem bei jenen mit hohem Risiko. Die japanischen Forscher werteten zudem Blutungskomplikationen und Schlaganfälle aus, die in dieser Zeit aufgetreten waren.  

Sie stellten dabei fest, dass nur bei den Patienten mit einem hohen Schlaganfall-Risiko ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis bei fortgesetzter Antikoagulation bestand: Das Thromboembolie-Risiko war deutlich verringert und das Blutungsrisiko nicht größer als bei jenen Patienten, die die Antikoagulation gestoppt hatten. Patienten mit niedrigem Risiko profitierten hingegen im Vergleich zu Patienten ohne Blutgerinnungshemmer nicht merklich hinsichtlich eines antithrombotischen Schutzes. Dafür war bei ihnen das Risiko für schwere Blutungen deutlich höher. Und auch in der Subgruppe mit einem CHADS2-Score = 2 bot die fortgesetzte Antikoagulation keinen Vorteil.

Die Wissenschaftler ziehen daraus den Schluss, dass die orale Antikoagulation nach erfolgreicher Katheterablation bei Patienten mit einem niedrigen Thromboembolie-Risiko nach zwei Monaten tatsächlich abgesetzt werden kann. (2)

Wie sicher ist Cannabis zur Schmerztherapie fürs Herz?

Herz-Kreislauf-Nebenwirkungen durch den (Drogen-)Konsum von Cannabis sind schon lange bekannt. Doch sind diese auch von Bedeutung, wenn medizinischer Cannabis zur Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt wird?

Dänische Wissenschaftler haben zur Klärung dieser Frage Daten von 1,88 Millionen Patienten mit chronischen Schmerzen aus einem nationalen Register in Dänemark ausgewertet. Bei 46 Prozent der Patienten hatten die Schmerzen eine muskuloskelettale Ursache, bei 11 Prozent lag eine Krebserkrankung vor, bei 13 Prozent gab es eine neurologische Ursache und bei 30 Prozent war die Ursache nicht spezifiziert. 5.391 dieser Patienten erhielten eine Verordnung von Cannabis als Schmerztherapeutikum. Um die Sicherheit der Therapie für das Herz zu beurteilen, wurden kardiale Nebenwirkungen innerhalb einer Beobachtungszeit von 180 Tagen nach Therapiebeginn mit denen verglichen, die in einer ähnlichen Gruppe von knapp 25.000 Patienten auftraten, die mit anderen Schmerzmitteln behandelt wurden.

Ein auffälliges Ergebnis: In der mit Cannabis behandelten Gruppe lag das Risiko für neu auftretende Rhythmusstörungen bei 0,8 Prozent, in der Kontrollgruppe dagegen bei 0,4 Prozent. Das heißt Arrhythmien traten bei den mit Cannabis behandelten Patienten doppelt so häufig neu auf. Dabei handelte es sich meist um Vorhofflimmern und Vorhofflattern (76%). Anfallsweise Tachykardien traten bei 12 Prozent auf. Für Schmerzpatienten mit Krebs oder Herzerkrankungen war das Risiko für neue Arrhythmien am höchsten. Das Risiko für ein akutes Koronarsyndrom war unter der Cannabistherapie nicht erhöht.

Die Wissenschaftler folgern aus diesem Ergebnis, dass vor allem in den ersten Monaten nach Beginn einer Cannabis-Therapiebei den Schmerzpatienten auf mögliche Herzrhythmusstörungen geachtet werden sollte. (3)

  1. Dietary circadian rhythms and cardiovascular disease risk in the prospective NutriNet-Santé cohort, Nat Commun 14, 7899 (2023). https://doi.org/10.1038/s41467-023-43444-3
  2. Oral anticoagulation after atrial fibrillation catheter ablation: benefits and risks; European Heart Journal 14 February 2024; https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehad798
  3. Cannabis for chronic pain: cardiovascular safety in a nationwide Danish study; European Heart Journal 7 February 2024; https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehad834 

Nachricht-Archiv Februar

Eine gesteigerte Natrium- bzw. Kochsalzzufuhr (Natriumchlorid) erhöht das Risiko für Bluthochdruck und damit auch für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Schlaganfälle oder die koronare Herzkrankheit (KHK). Häufig nehmen wir zu viel Salz über „versteckte“ Natriumquellen in Lebensmitteln auf. Beispiele hierfür sind Wurst, Käse oder Ketchup.

Wissenschaftler der Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) haben nun untersucht, inwiefern Nahrungsergänzungsmittel und freiverkäufliche Arzneimittel in Form von Brausetabletten möglicherweise ebenfalls versteckten Quelle sind. Denn damit sich Brausetabletten im Wasser auflösen, enthalten sie Natrium (als Natriumhydrogencarbonat). Mit einer speziellen Messmethode ermittelten die Forscher daher den Natriumgehalt von 39 Vitamin-, Mineral-, Calcium- und Magnesium-Brausetabletten aus verschiedenen Drogerie- und Supermärkten. Außerdem wurden die Angaben zum Natriumgehalt bei 33 Schmerzmitteln, Husten- und Erkältungsmedikamenten sowie Calciumpräparaten aus Apotheken erfasst.

Das Ergebnis: Der gemessene Natriumgehalt bei den Drogerie- und Supermarktprodukten lag im Durchschnitt bei 284 Milligramm pro Tablette. Das entspricht etwa 14 Prozent der maximal empfohlenen täglichen Natriumzufuhr. Vitaminprodukte wiesen mit 378 Milligramm den höchsten Natriumgehalt auf (20 % des täglichen Bedarfs), Calciumprodukte den vergleichsweise niedrigsten (170 mg). Besonders hoch war der Natriumgehalt in brauseförmigen Schmerz- und Erkältungsmedikamenten mit im Durchschnitt sogar 452 mg Natrium pro Tablette. „Bei einem der untersuchten Schmerzmittel liegt die maximale Tagesdosis laut Hersteller bei acht Tabletten. Das allein entspricht dann fast der doppelten Höchstmenge an Natrium, die die WHO pro Tag empfiehlt“, verdeutlicht Professor Felix Mahfoud, einer der Studienautoren in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.

Zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine tägliche Natriumzufuhr von weniger als 2 g und warnt schon seit langem vor stark natriumhaltigen Lebensmitteln.

Die Wissenschaftler betonen daher, dass Patienten bei Vitamin- und Mineralstoffprodukten in Brauseform zurückhaltend sein sollten, da hier meist der Natriumgehalt nicht eindeutig deklariert sei. Und auch bei Medikamenten empfehlen sie, möglichst auf Präparate in Tablettenform auszuweichen.

Quelle: Hidden sodium in effervescent-tablet dietary supplements and over-the-counter drugs: a comparative cross-sectional studyBMJ Open 2023;13:e076302. doi: 10.1136/bmjopen-2023-076302

Eine blutgerinnungshemmende Therapie kann nachweislich die Periodenblutungen bei Frauen verstärken. Doch wie häufig ist das und gibt es dabei Unterschiede je nach Arzneistoff? Das haben US-Wissenschaftler einmal genauer bei knapp 2500 Frauen untersucht, die neu auf eine Therapie mit oralen Antikoagulanzien eingestellt wurden.

Bei 645 Patientinnen (Alter zwischen 18 und 55 Jahren), die zuvor keine Probleme mit Blutungen hatten, kam es innerhalb von fünf Jahren zu einer übermäßig starken Gebärmutterblutung. Dabei war das Blutungsrisiko bei jenen Patientinnen, die mit einem direkten oralen Antikoagulanz (DOAK; z.B. Apixaban/Eliquis, Rivaroxaban/Xarelto) behandelt wurden, deutlich niedriger (minus 30 %) als bei den Patientinnen, die eine Therapie mit oralen Antikoagulanzien vom Cumarin-Typ (Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon/Marcumar) erhielten.

Insgesamt musste allerdings etwa zehnte Frau, die eine abnorme Blutung hatte, notfallmäßig in ein Krankenhaus aufgenommen werden. Fast jede dritte Frau (30 %) erhielt eine Bluttransfusion und beinahe jede Fünfte musste sich einer gynäkologischen Prozedur unterziehen. Jüngere Frauen und Frauen mit nichtweißer Hautfarbe waren eher betroffen.

Die Studienautoren folgern daraus: Da bei etwa jeder vierten Frau unter Antikoagulanzien-Therapie Blutungsprobleme auftraten, besteht offenbar ein merkliches, bisher eher unterschätztes Risiko für uterine Blutungen. Dies sollte bei einer Verordnung mehr bedacht werden. Das höchste Risiko besteht demnach bei einer Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten.

Quellen: A healthful plant-based diet is associated with lower type 2 diabetes risk via improved metabolic state and organ function: A prospective cohort study; https://doi.org/10.1016/j.diabet.2023.101499

Die Zuckerkrankheit Diabetes Typ 2 schädigt bekanntlich die Gefäße von Herz, Nieren und Gehirn sowie die Gefäße zahlreicher anderer Organe. Dies verringert auch die Lebenserwartung von Betroffenen. Da es Hinweise gibt, dass eine pflanzenbasierte Ernährung sich hierauf positiv auswirkt, haben britische Forscher untersucht, welche möglichen Mechanismen damit in Verbindung stehen könnten.

Über einen Zeitraum von zwölf Jahren haben sie dazu die Daten von über 100.000 Menschen im Alter von 40 bis 69 Jahren ausgewertet, die zu Untersuchungsbeginn noch keinen Diabetes hatten. Bei der Beurteilung der Ernährungsgewohnheiten wurde zwischen einer gesunden oder eine ungesunde pflanzliche Ernährung unterschieden. Als „gesund“ galt dabei ein Verzicht auf Süßigkeiten, Desserts, Weißmehl, gesüßte Getränke sowie Kartoffeln.

Das Ergebnis: Teilnehmer, die eine “gesunde” pflanzenbasierte Ernährung zu sich nahmen, hatten ein um 24 % reduziertes Risiko, Diabetes mellitus Typ 2 zu entwickeln im Vergleich mit Teilnehmern, die eine deutlich “ungesunde” pflanzenbasierte Kost zu sich nahmen. Die Wissenschaftler stellten zudem fest, dass dies offenbar mit einer Erniedrigung des Körperfettes, Normalisierung des Blutzuckerspiegels, reduzierten Entzündungsprozessen und einer verbesserten Nieren- und Leberfunktion zusammenhing.

Konkret spiegelte sich der Zusammenhang zwischen erniedrigtem Diabetes-Risiko Risiko und “gesunder” pflanzenreicher Ernährung bei den Studienteilnehmern wider durch

  • einen niedrigen Body Mass Index (BMI)
  • einen niedrigen Hüftumfang
  • einen niedrigen Langzeitblutzuckerwert (HbA1c)
  • niedrige Triglyzeridwerte
  • niedrige Entzündungswerte (CRP) und
  • gute Leber- und Nierenwerte (ALT, Gamma-GT, Cystatin C, Harnsäure-Salze)

Quelle: Abnormal uterine bleeding in anticoagulated patients by drug class: outcomes and management; DOI:https://doi.org/10.1016/j.ajog.2023.05.006

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Prof. Dr. med. Thomas Meinertz
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